Oregon Coast – The 101 is giving us the cold shoulder

Wintersturm am Cape Kiwanda

Mit dem Highway 101 (sprich one-o-one) müssen wir im wahrsten Sinne des Wortes erst noch warm werden. Der November in Oregon ist nass und kalt. An den Tagen, an denen es nicht regnet, stürmt es – allerdings nicht wie erwartet von hinten. Wir haben Gegenwind! Dabei ist die Windrichtung angeblich einer der Gründe, warum die meisten Reiseradler*innen die Pacific Coast Route von Norden nach Süden fahren. Was aber nicht in den Reiseführern steht: Im Winter dreht der Wind und bläst oft aus Süd-West.

Zeltevakuation nach einer regnerischen Nacht
Blick ins Zelt: Unser Zelt hat eher trockenen Humor, aber wer genau hinguckt, kann ein lächelndes Gesicht entdecken. 😉

Kurzum: Es ist nicht die optimale Zeit für Radtouren, aber – rain or shine – wir wollen Weihnachten in San Francisco ankommen. Wir müssen uns nun ein bisschen sputen, nachdem wir uns in Alaska und der Inside Passage viel Zeit gelassen haben. Andererseits möchte ich auf dem 101 auch nicht im Sommer unterwegs sein. Selbst im November gibt es hier streckenweise ungemütlich viel Verkehr. In der Hochsaison, wenn sich ein Wohnmobil ans andere reiht, muss der Highway ein einziger Stau sein. Wir nutzen jede Gelegenheit, um vom 101 abzufahren. Auf den Nebenstraßen gibt es zwar keine Seitenstreifen, aber angenehm wenig Verkehr.

Nebenstrecke bei Tierra Del Mar
Bergkette hinter Nehalem Bay

Die Küste ist jedoch über weite Strecken bergig, sodass es wenige Straßen und somit oft keine Alternative zum Highway gibt. Das Verkehrsministerium ist sehr bemüht, die Autofahrer*innen mit Schildern auf Fahrräder hinzuweisen. Vor den Brücken und Tunneln gibt es Warnleuchten, die auf Knopfdruck oder manchmal sogar automatisch angehen, sobald Radfahrer*innen auf der Brücke oder im Tunnel sind. Das Motto lautet share the road. Allerdings gehen die Auffassungen weit auseinander, wie die Straße zu teilen ist. Bei den LKWs ist die Regel einfach: Wenn kein Gegenverkehr kommt, nehmen sie die Gegenspur. Sie bremsen jedoch so gut wie nie. Wenn nicht genug Platz ist, müssen wir so schnell wie möglich von der Straße weichen. Ausnahmsweise bremsen sie lediglich auf Brücken oder in Tunneln, wo wir offensichtlich nirgendwo mehr hinkönnen.

Auf den Brücken ist oft kein Platz für einen Seitenstreifen, sodass wir mit dem Anhänger die Fahrbahn blockieren. Wenn es dann auch noch, wie hier in North Bend, bergauf geht und ein 40-Tonner minutenlang im Schritttempo hinter uns fährt, sind starke Nerven gefragt.

Viel unkalkulierbarer sind die Wohnmobilfahrer*innen, meistens Rentner*innen, die ein paarmal im Jahr Gefährte so groß wie Reisebusse bewegen, ohne dass sie dafür einen besonderen Führerschein bräuchten. Sie überholen uns oft zu dicht oder reißen das Lenkrad in letzter Sekunde herum, sodass ihr Bus umzukippen droht. Unter den Autofahrer*innen gibt es solche und solche: Manche hupen uns im Tunnel an, als ob der Motorenlärm nicht schon laut genug wäre. Andere wiederum überraschen uns positiv, indem sie beispielsweise vor einer Brücke oder einer uneinsichtigen Kurve den ganzen Verkehr für uns abbremsen. Und dann jibt es noch janz andere: Die fahren einfach viel zu dicht an uns vorbei (und das sind die … naja, Ihr wisst schon).

Irgendwann gewöhnen wir uns daran, auf jeder Brücke einen Stau zu produzieren. 🙂

Ich habe mich noch auf keiner Radtour so über den Verkehr geärgert. Woran liegt das? Beim Radfahren habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Ein Erklärungsversuch:

1. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Autorepublik. Dieses Klischee hat sich in unseren Köpfen verfestigt. Auch kürzeste Strecken werden mit dem Auto zurückgelegt. Selbst die Ranger*innen in den State Parks fahren ihre Runden auf den Campingplätzen im SUV. Auf der Straße laufen lediglich die Obdachlosen, sprich diejenigen, die sich kein Auto mehr leisten können. Wenn wir mit unserem Anhänger in den Kleinstädten an der Küste spazieren gehen, werden wir mitunter schief angeguckt. Der einzige Ort, wo wir laufenden Menschen in größerer Zahl begegnen, ist der Supermarkt. In Seattle haben wir erste Erfahrungen mit dem öffentlichen Personennahverkehr gesammelt. Umsteigeverbindungen sind ein zeitaufwendiges Fahrplanpuzzlespiel, sodass es meistens schneller ist, mit dem Auto zu fahren. Die Linienbusse sind entsprechend leer. Es gibt also einfach jede Menge und vor allem riesengroße Autos auf den Straßen, aber dicke Karren mit Verrückten am Steuer gibt es in Europa auch. Das reicht nicht als Erklärung.

In den USA ist es üblich mit dem Auto sogar auf den Strand zu fahren. Nicht einmal dieser letzte Meter wird gegangen. Zum road trip gehört ein hautnahes Naturerlebnis – mit herunter gelassener Fensterscheibe.

2. Es gibt zu wenige Radwege, weswegen Radfahrer*innen auf Straßen unterwegs sein müssen. Das gilt aber auch für viele andere Straßen dieser Welt und erklärt nicht das aggressive Fahrverhalten der Autofahrer*innen.

3. Der Highway 101 ist trotz aller Ausschilderung als Pacific Coast Bike Route streckenweise nicht zum Radfahren geeignet. In Kalifornien wird er zum vierspurigen Freeway und diese Autobahn ist nicht die A20 (verkehrsarmer, glatter Asphalt), sondern ähnelt eher einer holprigen Ruhrpottautobahn. Weder auf der einen noch auf der anderen wird in Deutschland Rad gefahren. Hier kommen wir der Sache näher.

4. Wenn es einen Seitenstreifen gibt, fahren die Autos in voller Geschwindigkeit in ihrer Spur, aber viel zu dicht an uns vorbei. Auf Nebenstraßen, wo es keine Seitenstreifen gibt und der Anhänger die halbe Spur einnimmt, bremsen sie eher ab.

Biking 101: Hier ist der Seitenstreifen mal breit genug.

5. Womit wir beim Knackpunkt angekommen wären: Mit dem Anhänger im Schlepptau habe ich besondere Anforderungen an die Straße und den Verkehr – mal ganz abgesehen davon, dass ich als Elternteil grundsätzlich unruhig werde, wenn ein LKW mit 55 Meilen pro Stunde von hinten auf meine Kinder zugerast kommt, weswegen Marilyne als Puffer hinter mir fährt. 😉 Der Anhänger ist breiter als gewöhnliche Fahrräder. Das klingt zunächst banal, aber andere Verkehrsteilnehmer*innen schätzen den Sicherheitsabstand leider oft falsch ein. Es ist schwieriger Hindernisse (wie Äste, Glasscherben, Müll…) zu umfahren und davon gibt es auf dem Seitenstreifen jede Menge. Außerdem kann ich den Anhänger nicht überall einfach schnell von der Straße schieben, weil entweder nicht genug Platz ist oder der Graben zu steil ist. Auch das unterschätzen Autos gern, was dazu führt, dass ich (auf vierspurigen Autobahnen) den Verkehr in die linke Spur winken muss. Sehr ungemütlich.

Irgendwo in der Kombination dieser Punkte liegt das Problem begraben. Die Lösung lautet: Wir brauchen anhängertaugliche Wege, was leider an der Küste aufgrund der geografischen Gegebenheiten nicht immer möglich ist. Um unseren Wohlfühlabstand einzufordern, ohne mitten auf der Straße fahren zu müssen, sind wir jetzt mit einer weiteren Fahne unterwegs, die einen knappen Meter quer in den Verkehr hineinragt. Diese Querfahne funktioniert hervorragend!

Der gesetzliche Mindestabstand beim Überholen von Radfahrer*innen liegt in den USA bei einem Meter. In Deutschland schreibt die StVO beim Überholen von Kindern auf Fahrrädern sogar zwei Meter vor. Auf den ersten tausend Kilometern wurde die Querfahne erst einmal berührt (von einem Auto, welches nicht in der Lage war, im Schritttempo an uns vorbei zu fahren).

Irgendwo hinter Newport dünnt sich der Verkehr aus und Oregons Küste zeigt sich von ihrer wilden Seite. Mal abgesehen vom Wetter und vom Verkehr ist es durchaus schön hier. Es gibt ja auch noch ein paar mehr Gründe, die Route von Norden nach Süden zu fahren: Tendenziell ist der Seitenstreifen küstenseitig breiter und vor allem ist die Aussicht besser.

Abfahrt zum Baker Beach
Heceta Head Lighthouse
Seelöwen am Sea Lion Point
Hug Point

Gravel Point
Dünen bei Florence
Stachelschwein am Strand von Bastendorff

Gegen den Regen helfen aufmunternde Worte von den Zeltplatzwart*innen. Mitunter haben sie Mitleid und lassen uns umsonst zelten, wenn wir im strömenden Regen angeradelt kommen. Davon wird zwar das Zelt nicht trocken, aber wir bleiben flüssig für die Nächte, an denen wir uns ein Dach über dem Kopf gönnen, nachdem wir stundenlang durch den Regen geradelt sind. Wir nutzen nun auch öfter Warm Showers und genießen die großzügige Gastfreundschaft.

Familienfoto mit unserem Gastgeber Bruce
Wenn es draußen regnet und stürmt, ist es drinnen umso lustiger.

Wir überqueren die Grenze nach Kalifornien und suchen klimatisches Asyl in einer (anglikanischen) Kirche, die ihre Räumlichkeiten über Warm Showers der Radfahrergemeinde öffnet.

Welcome to California: Es regnet zur Abwechslung!

Das Schöne am Reisen ist, dass wir morgens noch nicht wissen, wo wir abends landen: Beim Thanksgiving dinner im Wohnzimmer von Mike & Patricia. Das Fest hat eine durchaus fragwürdige Tradition, aber mit den Mitgliedern dieser sehr liberalen Gemeinde lässt sich herrlich darüber diskutieren, während unsere Schuhe am Ofen trocknen.

Danke Mike & Patricia für diese wunderschöne Überraschung!

2 Antworten auf „Oregon Coast – The 101 is giving us the cold shoulder“

  1. Ich glaube, wenn alle Autofahrer, die Euch begegneten, aus Deutschland kämen, ginge es Euch nicht besser. 10cm Abstand zum Rahrradlenker reicht auch hier für einige der Zeitgenossen. Das Ende der Klappfahnenstange mit einem spitzen Gegenstand zu markieren und darauf hinzuweisen, scheint manchmal der einzige Weg zu sein, sich zu schützen. Zum Glück haben unsere Schutzengel (die hatten frei bekommen) Euren geholfen und Ihr habt es gut geschafft.
    P.S. Wilrud kommt heute aus Tanzania zurück.

    1. Es stimmt schon, dass es auch in Deutschland/Europa jede Menge verrückte Autofahrer*innen gibt. Nichts desto trotz habe ich das Gefühl dort als Radfahrer eher respektiert zu werden. Hier wurde uns (hupend oder gestikulierend) des Öfteren das Gefühl vermittelt, dass wir mit unseren Rädern auf der Straße nicht erwünscht sind. Dafür gab es bei Mike & Patricia eine ganze Horde neuer Schutzengel*. 🙂

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