El Salvador – Comprando pupusas con luces azules

Wir lassen die Schotterpiste hinter uns und radeln uns in einen regelrechten Geschwindigkeitsrausch. Binnen drei Tagen sausen wir die Cordillera Centroamericana hinab und durchqueren das kleinste Land Zentralamerikas: El Salvador.

Ein letzter Blick von oben: Hinter den Bergen lässt sich schon der Pazifik erahnen.

Mit jedem Meter, den wir an Höhe verlieren, schlägt uns wärmerer Fahrtwind entgegen. Wir sind zurück im zentralamerikanischen Backofen und angesichts dessen sehr froh, die Route durch das honduranische Bergland gewählt zu haben.

Die Maisfelder sind trocken und selbst der Vulkan San Miguel kann keinen klaren Kopf mehr bewahren.

 

Normalerweise schlagen wir einen großen Bogen um die Panamericana. Doch hier in El Salvador hält sich der Verkehr auf dem berühmten interamerikanischen Highway in Grenzen und der breite Seitenstreifen lädt förmlich zum Radfahren ein.

 

Zur Abkühlung ist uns jeder Tropfen Wasser recht. 🙂

El Salvador ist zwar das kleinste Land in der Region, dafür aber mit Abstand am dichtesten besiedelt. Wild zu zelten ist also keine Option. In La Union gewährt uns die Feuerwehr Unterschlupf, während wir auf unser Boot nach Nicaragua warten.

Einmal quer durch Amerika und zurück: In La Union erreichen wir nach viertausend Kilometern und einem Abstecher in die Karibik wieder die Pazifikküste, die wir in Mazatlán (Mexiko) vor einem halben Jahr verlassen haben.

 

Die Feuerwehr lässt uns in ihrem Garten zelten.

 

Carlos empfängt uns mit offenen Armen. Danke! 🙂

Im Gegensatz zu vielen Honduraner_innen ist die Bevölkerung El Salvadors stolz auf die eigene Geschichte. Das Bergdorf Perquín und das Kapitel der salvadorianischen Revolution lassen wir dieses Mal rechts liegen. Stattdessen diskutieren wir mit dem Feuerwehrmann Carlos über die aktuelle Politik nach dem Ende des Bürgerskrieges 1992. El Salvador ächzt genauso wie seine Nachbarländer unter den neoliberalen Reformen. Privatisierungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Energie führten dazu, dass großen Teilen der Bevölkerung der Zugang zur Grundversorgung abgeschnitten wurde. Im Zuge der Währungsreform wurde um die Jahrtausendwende der US-Dollar als zweite offizielle Landeswährung eingeführt. Die Zentralbank hat seitdem jedoch die Colones nach und nach aus dem Verkehr gezogen, sodass faktisch nur noch der US-Dollar als Zahlungsmittel übrig geblieben ist. Mit der Einführung einer harten Währung sind die Preise gestiegen, doch die Gehälter stagnieren. Seitdem kursieren in El Salvador die geflügelten Worte, dass der Lohn in Colones verdient, aber in US-Dollar ausgegeben wird.

Alfa, Bravo und Charly verdienen als Feuerwehrmänner um die vierhundert US-Dollar im Monat. Das ist mehr als der Mindestlohn, der in El Salvador zwischen 200 Dollar (in der Landwirtschaft) und 300 Dollar (in der Industrie und im Dienstleistungssektor) liegt. In Anbetracht des Preisniveaus ist es jedoch eine Herausforderung, davon eine Familie zu ernähren.

 

Für das Abendbrot fahren wir mit Blaulicht “pupusas” kaufen. Auf ihr Nationalgericht sind die Salvadorianer_innen mindestens genauso stolz, wie auf ihre Geschichte. Was in Honduras die “baleadas” waren (mit Bohnen, Eiern und Avocados gefüllte, gefaltete Weizentortillas), sind in El Salvador die “pupusas”: Mit Bohnen, Käse oder Schweineschwarte gefüllte, frittierte Maistortillas, die mit Krautsalat belegt sowie mit Tomaten- und Chilisoße übergossen werden.

 

Fahrradanhänger oder Löschfahrzeug: Was ist der größere Kindertraum?

Wir bleiben noch eine weitere Nacht bei der Feuerwehr, weil unser Kapitän Yordin auf mehr Ware warten muss, damit sich die Überfahrt nach Nicaragua für ihn lohnt. Vor den Protesten im April diesen Jahres in Nicaragua setzten hier viele Tourist_innen über den Golf von Fonseca über, um auf direkten Wege von El Salvador nach Nicaragua zu reisen und dabei Honduras zu umschiffen. Auch wir haben uns für diesen Weg entschieden, um den Verkehr auf der Panamericana in Honduras zu vermeiden. Aufgrund mangelnder Nachfrage wurde die regelmäßige Schiffsverbindung jedoch vorübergehend eingestellt – ein kleiner Vorgeschmack auf Nicaragua, wo nach den Protesten die touristische Infrastruktur komplett zusammengebrochen ist.

Boote im Hafen von La Union: Noch wissen wir nicht, wofür die Karre im Vordergrund dient.

 

Unser Boot ist startklar: Die Räder sind im Bug und der Anhänger auf dem Dach verstaut.

Doch vorher müssen wir El Salvador noch offiziell verlassen, was sich schwieriger gestaltet als erwartet. Das gemeinsame Regelwerk der CA-4-Zone fordert die Grenzbeamt_innen immer noch heraus. Eigentlich sollten in Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua die gleichen Regelungen Anwendung finden. Als uns die honduranische Grenzbeamtin bei der Einreise in ihr Land bereits drei Wochen von unserer Aufenthaltsverlängerung abgezogen hat, haben wir noch einmal ein Auge zugedrückt, da die restliche Zeit voraussichtlich ausreichen sollte, um die Grenze nach Costa Rica zu überqueren und damit das CA-4-Gebiet zu verlassen. Die salvadorianischen Grenzbeamten haben uns jedoch bei der Einreise die komplette Verlängerung, sprich 90 Tage, gestrichen oder vielmehr den Haken in ihrem Computersystem falsch gesetzt: Sie haben uns zwei Tage Aufenthalt (bis zum Ablauf der ersten 90 Tage) gewährt und die Verlängerung um weitere 90 Tage ins Kleingedruckte geschrieben. Da El Salvador an den terrestrischen Grenzübergängen keine Stempel vergibt (weil alle Nachbarländer der CA-4-Zone angehören und deren Einreisestempel ausschlaggebend sind), konnten wir die gewährte Länge unseres Aufenthalts nicht überprüfen. Bei der Ausreise poppt nun die Warnung auf dem Bildschirm des Grenzbeamten in La Union auf, dass wir die zwei Tage überschritten hätten und eine Strafe zahlen sollen. Der Beamte braucht eine ganze Weile, um den Sinn unserer Aufenthaltsverlängerung zu verstehen und fragt uns immer wieder, warum wir nicht nach den ersten 90 Tagen für einen Tag nach Belize oder Mexiko aus der CA-4-Zone ausgereist wären. Irgendwann können wir ihn davon überzeugen, dass dieses Vorgehen mit Kosten verbunden und vor allem illegal ist. An der guatemaltekisch-belizianischen Grenze verdienen die Staatsdiener_innen pro Ausländer_in ungefähr das, was die offizielle Verlängerung in der Hauptstadt kostet (200 Quetzales oder 25 US-Dollar) – nur dass es an der Grenze dafür natürlich keine Quittung gibt. Auch nachdem der Beamte im Hafen von La Union nun von den Vorteilen einer legalen Verlängerung überzeugt ist, bleibt er Gefangener des Systems und gegenüber seinem Computer ohnmächtig. Wenn er uns die Gebühr nicht berechnet, wird sie von seinem Lohn abgezogen. Was für Methoden! Er muss sich bei der Zentrale in der Hauptstadt rückversichern, die wiederum bei der Grenzkontrollstelle in den Bergen anrufen muss. Als sich nach drei Stunden Wartezeit das bürokratische Knäuel so langsam zu lösen scheint, stellt der Beamte fest, dass Marla angeblich gar nicht nach El Salvador eingereist sei. Jetzt können wir nur noch lachen. Wir warten noch eine weitere Stunde auf grünes Licht von oben und dürfen dann endlich offiziell ausreisen. Aus Kulanz bekommen wir sogar einen Stempel in unsere Pässe! 😉

Derweil ist unser Boot mit der Ebbe aufs Meer hinaus getrieben, weswegen wir nun herausfinden, wofür die Karren benutzt werden.

 

Wir haben ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber unseren drei einheimischen Mitfahrer_innen, die (statt überlicherweise einer) heute vier Stunden auf die Abfahrt warten mussten – jwd in der prallen Sonne.

 

Und dann geht es endlich los! In zwei Stunden sausen wir über den Golf von Fonseca. Links fliegt Honduras und rechts El Salvador an uns vorbei und wir steuern geradeaus auf das kleine Dorf Potosí am Fuße des Vulkans Cosigüina in Nicaragua zu.

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