
Kurz nach ihrer Ankunft in Amerika entdeckten die spanischen Konquistador*innen Silber im heutigen Bundesstaat Zacatecas und gründeten daraufhin die gleichnamige Stadt. Die offenen Adern Zacatecas’ reihten sich in den Aderlass ein, unter welchem ganz Lateinamerika zu leiden hatte. Die Geschichte kann in aller Ausführlichkeit bei Eduardo Galeano nachgelesen werden. Der einstige Reichtum spiegelt sich bis heute im Stadtbild von Zacatecas und einigen anderen Städten im mexikanischen Hochland wider. Doch auf dem Lande zeigt sich uns ein anderes Bild.

Der Bundesstaat Zacatecas ist vorwiegend ländlich geprägt und sehr dünn besiedelt. In Zacatecas leben genauso viele Menschen wie in Mecklenburg-Vorpommern, dem am dünnsten besiedelten Bundesland Deutschlands. Sie verteilen sich jedoch auf der dreifachen Fläche. Bis heute spielt der Bergbau eine große Rolle in der Region. Neben Silber werden auch Gold, Kupfer und Zink abgebaut. Doch wie so oft profitieren die umliegenden Gemeinden nicht unbedingt von den Schätzen in ihren Böden. Paradoxerweise ist die Armut dort am höchsten, wo der größte Reichtum begraben liegt. Die Ausweglosigkeit zwingt viele zacatecan@s in die USA zu migrieren und dort ihr wirtschaftliches Glück zu suchen. Mittlerweile wohnen fast mehr zacatecan@s auf der anderen Seite der Grenze als in Zacatecas. Damit gehört Zacatecas zu den mexikanischen Bundesstaaten mit der höchsten Auswanderungsrate.

Die niedrigen Steuern locken ausländische Bergbauunternehmen ins Land. Vor allem kanadische Firmen haben sich auf den Abbau von Edelmetallen spezialisiert. Wie schon in Guatemala buddelt auch in Zacatecas das kanadische Unternehmen Goldcorp kräftig mit. Die Probleme sind die gleichen: Die Bergbauunternehmen agieren gegen die Interessen der Umwelt und oft auch der ansässigen Bevölkerung. Zwar schaffen die Firmen Arbeitsplätze, welche im nationalen Vergleich durchaus gut bezahlt werden. Jedoch sind diese nicht nachhaltig. Die meisten Anwohner*innen leben von der Landwirtschaft. Ein Stück Land kann viele Generationen ernähren. Der Erlös aus einem verkauften Grundstück oder der in der Mine erarbeitete Lohn kann hingegen nicht immer an die Kinder vererbt werden. Der offene Tagebau hinterlässt ein riesiges Loch. Wenn die Mine nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten ihren Dienst einstellt, sind die Böden nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar. Der Grundwasserspiegel ist gesunken und die umliegenden Flüsse sind ausgetrocknet oder mit Chemikalien verunreinigt. Die Unternehmen wissen um die negativen Auswirkungen und erkaufen sich deswegen die Gunst der Anwohner*innen. Sie übernehmen staatliche Aufgaben in entlegenen Regionen und bauen Straßen, Schulen und Krankenhäuser. Damit spalten sie Familien und ganze Gemeinden in Befürworter*innen und Gegner*innen. Sie schüren soziale Konflikte, die immer wieder auch Todesopfer fordern.






Seit Durango radeln wir auf dem Mesa Central, einer Hochebene zwischen 1.700 und 2.500 Metern über dem Meeresspiegel, die nur ab und an von einer kleinen Bergkette unterbrochen wird. Die meiste Zeit sind wir auf Seitenstreifen von mäßig befahrenen Landstraßen unterwegs. Lediglich die letzten Kilometer vor Zacatecas bringen uns ins Schwitzen. Zacatecas ist so nah am Berg gebaut, dass in der Stadteinfahrt kein Platz mehr für einen Seitenstreifen ist. Als wir auf der mittlerweile vierspurigen Straße vor einer uneinsichtigen Kurve überlegen, wie wir heile den Berg hoch kommen, hält Marilyne kurzerhand einen Autofahrer an und bittet ihn hinter uns zu fahren. So klettern wir im Schritttempo den Berg hoch und verursachen einen kleinen Stau. Doch keiner der anderen Verkehrsteilnehmer*innen hupt oder beschwert sich. Im Gegenteil: Als wir oben ankommen, gucken wir in winkende und grinsende Gesichter. 🙂


Neben dem Bergbau lebt Zacatecas vor allem von der Landwirtschaft. Darüber hinaus gibt es noch ein paar andere Wirtschaftszweige. So radeln wir an einer der weltweit größten Brauereien vorbei, in welcher Corona ihr Bier herstellt.


Da die Flächen links und rechts von der Straße landwirtschaftlich genutzt werden, finden wir immer seltener einen Platz zum Wildzelten. Deswegen fragen wir nun öfter, ob wir auf Bauernhöfen oder in Vorgärten unser Nachtlager aufschlagen dürfen. Wir erfahren hierbei eine unglaubliche Gastfreundschaft. Bislang wurde unser Gesuch nie abgelehnt.



Bereits zum dritten Mal überqueren wir nun den nördlichen Wendekreis. Nachdem wir ihn schon einmal in Richtung Süden mit der Fähre zwischen La Paz und Mazatlán überfahren und ein weiteres Mal nordwärts auf dem Weg nach Durango überradelt haben, überqueren wir ihn nun endgültig in Richtung Süden.

Unterwegs halten wir in Pueblos Mágicos (magischen Dörfern), eine Erfindung des mexikanischen Tourismusministeriums, um den Tourismus in Schwung zu bringen. Die meisten der magischen Dörfer liegen im mexikanischen Hochland.

Andere Dörfer leiden unter der Kriminalität und Gewalt, die der Drogenkonflikt in die Region bringt. Wir verbringen eine Nacht in Plateros. Das Dorf war einmal der drittgrößte Wallfahrtsort Mexikos. Bis heute kommen die Pilger*innen hierher um das Jesuskind von Atocha anzubeten. Wir erleben den Ort jedoch als ausgestorbenes Geisterdorf.

Dementsprechend intensiv kontrollieren die Polizei und das Militär die Straßen in der Gegend. Wir rollen mit der letzten Luft in Marlas Reifen in einen der Kontrollposten hinein. Normalerweise werden wir einfach durchgewunken. Diesmal halten wir an, um den Platten zu reparieren, woraufhin sich die Polizisten neugierig nähern.


Kurz darauf halten der LKW-Fahrer Enrique und seine Frau Rocío am Wegesrand und interviewen uns spontan. Das Interview löst eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, welche uns förmlich überrollt. Wir bekommen Einladungen aus ganz Mexiko und sind völlig überwältigt von den vielen likes und Kommentaren auf Facebook. Uriel kommt uns aus San Luis Potosí entgegen geradelt, um uns abzuholen. Wir werden wiederholt auf der Straße auf das Video angesprochen und freuen uns über die positive Resonanz. 🙂

