San Juan Islands – Welcome back to the United States

Früh am Morgen reihen wir uns in Sidney auf Vancouver Island in die Warteschlange für die Fähre nach San Juan Island ein. Wir sind überrascht, noch auf kanadischem Boden auf den US-Grenzbeamten zu treffen. Unsere Visa für die Vereinigten Staaten laufen in einem Monat aus. In unserem Schneckentempo schaffen wir es aber nicht rechtzeitig bis nach Mexiko. Da die Ausreise nach Kanada aufenthaltsrechtlich nicht relevant ist, haben wir bei unserer letzten Wiedereinreise in die USA keine neuen Stempel bekommen. Um unseren Aufenthalt zu verlängern, müssten wir einen Verlängerungsantrag stellen – ein 1.500 Dollar teures Lottospiel, da die Antragsgebühr (wie auch schon beim Visumantrag) unabhängig von der Bewilligung fällig wird. Die Angst ist groß, dass die Antragsteller_innen feste Beziehungen zu den Vereinigten Staaten aufbauen, wenn sie zu lange im Land verweilen und am Ende gar einwandern wollen. Dementsprechend hoch werden die Hürden gehalten. Es gibt allerdings auch noch eine zweite Möglichkeit. Die Beamt_innen an der Grenze haben großen Entscheidungsspielraum und in allen Einreisefragen das letzte Wort.

„Guten Morgen, wann wart Ihr das letzte Mal in den Vereinigten Staaten?“

„Guten Morgen, Sir, vor ein paar Wochen in Alaska, aber wir hätten gern neue Stempel, damit wir noch bis nach Mexiko radeln können.“

„Hier gibt es keine Stempel!“

 

„Äh … wir haben gehört, dass bei hartnäckiger Nachfrage mitunter sogar 12 Monate Aufenthalt bei der Einreise gewährt werden.“

„Danach hättet Ihr bei der Einreise fragen müssen.“

 

„Nach dem langen Flug waren wir leider viel zu müde.“

„Das ist nicht mein Problem.“

 

Da hat er natürlich Recht. 1:0 für ihn. Er bestimmt die Regeln und hat das Spiel in der Hand.

„Was können wir denn jetzt machen?“

 

„Einen Bus nehmen und schnell nach Mexiko fahren.“

„Es soll die Möglichkeit geben, die Visa zu verlängern. Wo können wir denn hierfür den Antrag stellen?“

„Weiß ich nicht.“

 

2:0. Der Grenzbeamte täuscht Desinteresse vor. Wir haben nichts mehr zu verlieren und setzen jetzt alles auf eine Karte.

„Sir, schauen Sie sich uns doch bitte noch einmal genau an.“

Der Beamte mustert uns mit einem skeptischen Blick.

„Wir wollen nicht arbeiten und schon gar nicht einwandern, sondern einfach nur durch Ihr geschätztes Land reisen und nebenbei noch ein paar Dollar ausgeben.“

„Kommt mal rein.“

 

Bislang hatte die Unterhaltung draußen stattgefunden, weil er wohl dachte, dass er uns ohne neue Stempel schnell durchwinken kann.

Gespannte Stille.

Tack, tack. Bumm, bumm.

Kommentarlos heftet er uns weiße Zettel in unsere Pässe und drückt die Stempel rein. Unglaublich, welche Macht die Grenzbeamt_innen ausüben. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist auch an der Grenze alles möglich. Statt 370 Dollar pro Person möchte er lediglich sechs Dollar von jedem von uns für die Zettel haben. Wir bekommen sechs neue Monate und die Weiterreise nach Mexiko ist gesichert. Freudestrahlend schieben wir unsere Räder auf die Fähre. 🙂

Zurück in den Vereinigten Staaten sind wir nun auch auf der Pacific Coast Route, einer der Klassiker unter den US-amerikanischen Radrouten, angekommen. Auf den staatlichen Zeltplätzen gibt es jetzt hiker/biker sites, wo wir für 12 bis 20 Dollar pro Nacht unser Zelt auf einer weichen Wiese aufstellen können und nicht mehr die Schotterstellplätze mit den Wohnmobilen teilen müssen. Es gibt jetzt auch wieder food locker. In Kanada gab es oft keine und wir mussten selbst auf den Zeltplätzen unser Essen in die Bäume hängen. Zwar gibt es auf den San Juan Islands weder Schwarz- noch Grizzlybären (dafür sind die Inseln zu klein und zu dicht besiedelt), aber sehr zutrauliche Waschbären und natürlich die allgegenwärtigen Eichhörnchen, die uns auch schon ein Loch in unseren Ortlieb-Packsack gefressen haben.

Food locker mit solarbetriebenem USB-Anschluss: Welcome back to civilization!

Wir richten uns bei den Hikern & Bikern im San Juan County Park gemütlich ein. Der Zeltplatz liegt direkt an der Küste mit Blick auf Vancouver Island und die Olympischen Berge auf dem US-amerikanischen Festland – ein perfekter Ort für Marilyne, um auf die Wale zu warten. Wir haben uns entschieden, die Wale von der Küste zu beobachten. Zwar versprechen die Bootstouren hautnahe Erlebnisse und garantieren Walsichtungen (oder verschenken einen Gutschein für die nächste Tour), aber der Lärm der Motoren ist eine der größten Gefahren für die Tiere, da er ihre Kommunikation behindert. Die drei ortsansässigen Orca-Schulen (die hier das ganze Jahr über leben und nicht in den Süden migrieren) leiden unter der Lärmbelästigung und Verschmutzung durch den regen Fähr- und Containerschiffsverkehr.

Sonnenuntergang über Vancouver Island
Zeltplatz im San Juan County Park (San Juan Island)
South Beach (San Juan Island)

Die Orcas lassen sich leider nicht blicken. Angeblich sind sie gerade nach Vancouver Island geschwommen. Aber wir erfreuen uns auch ohne Wale am Inselleben. Es ist schon immer wieder faszinierend, wie entschleunigend der Umstand wirkt, dass die Menschen und ihre Dörfer ringsum von Wasser eingeschlossen sind. Die Autos fahren langsamer und grüßen freundlich den Gegenverkehr – hervorragende Bedingungen zum Radfahren. Neben San Juan Island erkunden wir noch Lopez Island. Die Insel gehört ebenfalls zum Archipel der San Juan Islands.

Marla beobachtet Robben.
Robben im Shark Reef Sanctuary (Lopez Island)

Picknick in der Watmough Bay (Lopez Island)

Eine weitere Fähre bringt uns nach Anacortes auf Fidalgo Island, die erste Insel, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Von Entschleunigung fehlt hier jede Spur. Auf der Deception Pass Bridge produzieren wir den ersten Stau auf unsere Reise. Die Brücke ist alt und schmal, weswegen es keinen Seitenstreifen gibt. Auf dem Bürgersteig ist kein Platz für den Anhänger. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als für einen halben Kilometer die komplette Spur zu blockieren. 🙂

Deception Pass Bridge (zwischen Fidalgo und Whidbey Island)
Strandspaziergang im Deception Pass State Park

In Coupeville auf Whidbey Island verbringen wir eine regnerische Nacht bei unserem Warm Showers Gastgeber Pat.

Am nächsten Morgen genießen wir die Aussicht aus den Fenstern seines historischen Holzhauses.
Coupeville (Whidbey Island)

Mit der nächsten Washington State Ferry erreichen wir das Festland der Lower 48 in Port Townsend und nach zwei Monaten und 17 Fähren endet für uns das Kapitel Inside Passage mit der Überfahrt über den Pudget Sound nach Seattle.

Picknick am Strand in Seattle

In Seattle empfangen uns Darren & Linda, die wir auf Prince of Wales Island in Alaska kennengelernt haben. Es ist das erste Mal auf dieser Reise, dass wir zu jemandem fahren, den wir schon kennen. Ein schönes Gefühl. Ihre Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Wir kommen eine Woche bei ihnen unter, während unser Zelt in der Reparatur ist. Schon seit ein paar Monaten können wir nur noch einen Eingang benutzen, weil der andere Reißverschluss kaputt ist. Auf Haida Gwaii ist uns dann auch noch nachts eine Schwarzwedelhirschkuh aufs Zelt gesprungen und hat ein Loch ins Außenzelt gerissen. (Ja, auch ein Hilleberg kann kaputt gehen!) Wir nutzen die Woche nicht nur um unsere Ausrüstung wieder in Schuss zu bringen, sondern auch um in das Großstadtleben einzutauchen. Wir besuchen Märkte und Museen, Restaurants und Cafés – all die Dinge zu denen wir im Radelalltag normalerweise nicht kommen. 🙂

Marla und Mika freuen sich an einem richtigen Kindertisch zu essen.
Glas und Beton: Architektonisch ist Seattle nicht sonderlich aufregend.
Blick vom Riesenrad auf den Hafen von Seattle und Mt. Rainier im Hintergrund
Darren & Linda: Ihr seid einfach großartig! Danke! 🙂

 

Eine Antwort auf „San Juan Islands – Welcome back to the United States“

  1. Domingo por la mañana, tomándome un café y unas tostadas de mantequilla con mermelada de fresa, harta de ver otras vidas de gente que ni conozco, me metí en vuestro blog.
    Apasionante chicos, sólo os quería enviar un saludo fuertísimo.
    Hasta pronto, ojalá. Os voy siguiendo en las aventuras, sois una fuente de inspiración!!!

    Un besazo desde Lille!

    Sara

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