Chile despertó – El pueblo unido, jamás será vencido

Das chilenische Kapitel unserer Reise beginnt mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Grenzschützer und seinem Hund. Die Hunde spüren an Chiles Grenzen Früchte auf, die die Reisenden versuchen, hinüber zu schmuggeln. Die Einfuhr von Obst, Gemüse, Fleisch und anderen frischen Lebensmitteln ist verboten. Acht Jahre arbeiteten die beiden hoch oben auf dem Altiplano zusammen, bis sein Hund in Rente gehen musste. Ohne seinen Hund verlor seine Arbeit ihren Sinn. Der Grenzbeamte kündigte ebenfalls und nahm den Hund mit nach Hause, wo er eine Pizzeria eröffnete.

Nach dem Achsbruch am Anhänger in Peru erreichen wir die chilenische Hafenstadt Arica am nördlichen Ende der Atacamawüste mit dem Bus.
Seit unserem Segeltörn durch die Karibik von Panama nach Kolumbien waren wir nicht mehr am Meer.
Es fühlt sich gut an, mal wieder barfuß durch den Sand zu laufen. Das Baden ist jedoch ein kurzes Vergnügen. Der Humboldtstrom sorgt dafür, dass der Pazifik hier auch nicht wärmer als die Ostsee ist. Die kalte Meeresströmung hält den Regen ab, was an Land den trockensten Ort der Erde entstehen ließ – die Atacamawüste.

Doch wie heißt es so schön: Wenn Du den Inhaber Deiner Lieblingspizzeria beim Namen kennst, ist es höchste Zeit weiterzuradeln. Wir erledigen unseren Großeinkauf für die nächsten Wochen, mit all den schönen und nützlichen Dingen, die es oben auf dem Altiplano nicht gibt. Sogar einen Lippenstift mit UV-Schutzfaktor finden wir. Nachdem wir das letzte halbe Jahr in den ländlichen Regionen der Anden verbracht haben, erschlägt uns das Angebot in den Konsumtempeln Aricas förmlich. Ein letzter Bus bringt uns in das kleine Bergdorf Putre, wo wir auf die Achse für unseren Anhänger warten wollen.

Eine Sonnenampel in Putre zeigt die Intensität der UV-Strahlung an: „extremo“. Die empfohlene maximale Strahlenexposition für „helle Haut“ liegt bei 11 bis 22 Minuten.

Am Busbahnhof sehen wir die ersten Fernsehbilder von Unruhen in Santiago de Chile. Die Proteste in der Hauptstadt haben sich an einer Preiserhöhung für die U-Bahnfahrscheine entzündet. Die Fahrkarten sollen zukünftig 830 statt bisher 800 Pesos (umgerechnet ca. 1,04 statt 1,00 Euro) kosten. Zunächst sind es Schüler*innen, die aus Protest zum kollektiven Schwarzfahren aufrufen. Doch die Unruhen weiten sich schnell generationenübergreifend auf das ganze Land aus. Als die Fahrpreiserhöhung zurückgenommen wird, geht es längst um viel mehr. Chile despertó („Chile ist aufgewacht“) ist das Motto der Demonstrationen in allen größeren Städten des Landes. In Santiago sind über eine Million Menschen auf der Straße. Es sind die größten Massenproteste seit dem Ende der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet vor dreißig Jahren.

Die Demonstrant*innen scheppern mit Töpfen und Pfannen. Die „cacerolazos“ sind eine Protestform, die schon oft in der Geschichte Südamerikas angewandt wurde – nicht nur, um auf die leeren Töpfe aufmerksam zu machen.
Während in Arica die Demonstrationen in vollem Gange sind …
… bleibt es in dem kleinen Bergdorf Putre ruhig. Lediglich an einem Nachmittag ertönt eine Handvoll Töpfe auf dem Dorfplatz.
Die Straßen sind so leer, dass Marla mit ihren fast sechs Jahren nun schon alleine im Dorfladen einkaufen gehen kann.

Der aktuelle Präsident Sebastián Piñera behauptet, dass sich sein Land im Krieg befinden würde. Er ruft den Ausnahmezustand aus, verhängt Ausgangssperren und reagiert mit Gewalt. Das erste Mal seit der Militärdiktatur patrouillieren wieder Soldat*innen durch die Straßen. Die Panzer rufen böse Erinnerungen in der Zivilgesellschaft wach. Doch gegen wen wähnt sich der Präsident im Krieg? Ihm gegenüber steht die eigene Bevölkerung, die jedoch ohne Waffen kämpft. Eine Woche nach Beginn der Proteste sind bereits 22 Tote zu beklagen und es ist kein Ende der Gewalt in Sicht.

„Wir sind nicht im Krieg, wir sind vereint!“
„Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden!“

El pueblo unido erklingt wieder auf den Straßen Chiles. Das Protestlied wurde im Widerstand gegen die Militärdiktatur gesungen. Einmal mehr wird es nun zum Symbol des Protestes gegen die herrschende Klasse.

„El pueblo unido“ interpretiert von Sinfonieorchester & Chor der Universität Concepción u.a. am 10. November 2019 im Hof des Kulturzentrums Gabriela Mistral in Santiago de Chile

Anfangs diffamiert Piñera die Demonstrant*innen als Kriminelle und nimmt ihre Forderungen nicht ernst. Das gleiche Muster können wir auch in Ecuador und bei den Gelbwesten in Frankreich beobachten, wo sich die Proteste an einer Benzinpreiserhöhung entzündet haben und die Regierungen ebenfalls nicht willens oder in der Lage sind, ihrer Bevölkerung zuzuhören. Später lenkt Piñera ein und gibt vor, auf die Bevölkerung zugehen zu wollen. Er tauscht sein Kabinett aus, möchte aber selbst an der Macht bleiben, was viele Chilen*innen nicht hinnehmen wollen. Sie haben genug. Ihnen geht es nicht mehr um die vier Eurocent Preiserhöhung im Nahverkehr, sondern sie wollen vielmehr ihr Land von Grund auf reformieren. Chile ist aufgewacht!

„El pueblo unido“ interpretiert von Inti-Illimani am 13. Dezember 2019 auf der Plaza de la Dignidad (Platz der Würde), wie die Plaza Italia in Santiago seit den Protesten genannt wird

Chile ist das wirtschaftlich stärkste Land Südamerikas, aber gleichzeitig auch das Land mit der größten sozialen Ungleichheit. Die Chilen*innen haben zwar ihren Präsidenten bei der letzten Wahl bereits zum zweiten Mal gewählt. Jetzt haben sie jedoch seine neoliberale Politik satt. Ein Großteil der Bevölkerung leidet unter den Folgen der Privatisierung der öffentlichen Güter. Piñera möchte darauf nun mit kleinen Reformen reagieren. So soll die Mindestrente von gut 100.000 Pesos (umgerechnet ca. 125 Euro) auf 120.000 Pesos (ca. 150 Euro) angehoben werden.

„Mit der Arbeiterklasse ins Zentrum – Chile neu gründen!“

In Chile gibt es keine öffentliche Rentenkasse. Nur die Polizist*innen und Soldat*innen erhalten eine Pension vom Staat – ein Relikt aus Pinochets Zeiten. Die restliche Bevölkerung muss in private Rentenfonds einzahlen und das damit einhergehende Risiko in Kauf nehmen. Alle Chilen*innen, die keine private Rente erhalten, bekommen am Ende ihres Arbeitslebens die Mindestrente. Doch wie sollen sie mit 125 oder 150 Euro im Monat überleben, in einem Land, in dem die Lebenshaltungskosten annähernd so hoch sind wie in Deutschland? Die Reformpläne der Regierung sind also lediglich der berühmte Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Kein Wunder, dass die Proteste anhalten – und unser Paket mit der Achse für den Anhänger befindet sich mittendrin.

Die chilenische Post informiert, dass sie mit komplexen Transportproblemen konfrontiert sei.

Seitdem das Paket aus Deutschland auf dem Flughafen von Santiago angekommen ist, hat es sich nicht mehr bewegt. Da wir nicht wissen, wie lange es noch dauern wird, fährt Marilyne noch einmal zurück nach Arica, um eine Ersatzachse bauen zu lassen.

Ein Schlosser fertigt uns für 10.000 Pesos (ca. 12,50 Euro) eine neue Achse an.
So weit, so gut.
Mit einem Splint sichern wir die Achse provisorisch am Anhänger.

Nachdem unsere Räder nun einen Monat stillstanden, freuen wir uns, endlich wieder auf Achse zu sein. Mit dem gebastelten Ersatzteil machen wir uns auf den Weg zur Ruta de las Vicuñas und hoffen, dass das Provisorium den rauen Pisten auf dem Altiplano standhalten wird.

Wir verabschieden uns von unserer neu gewonnenen Freundin Paulina. Sie wird unser Paket in Empfang nehmen, wenn es denn irgendwann in Putre ankommen sollte. Danke Dir! 🙂

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